Videoediting selber lernen: Wie ich innerhalb eines Jahres zur Videoeditorin wurde

von | Jun 2, 2023 | Allgemein | 0 Kommentare

Es war das Ereignis des Jahrhunderts – die Corona-Pandemie und Streaming war angesagter den je. Man hockte also zu Hause und verbrachte die Abende entweder vor Netflix und Co. oder surfte im Internet, was auf Dauer echt langweilig wurde. Das Angebot war eben schnell ausgeschöpft und es dürstete nach neuen Inhalten. Viele neue Streamer ploppten auf und neben YouTube entstand eine neue aufregende Live-Streaming Plattform: Twitch.

Dort schaute ich mir immer häufiger Streamer an, die entweder Games zockten oder auf andere Videos reagierten. Das besondere bei solchen Live-Streams: man konnte mit dem Streamer und anderen Zuschauern währenddessen im Chat kommunizieren.

Und so schaute ich mittlerweile jeden Abend die Streams von Amer Mansoor an, der sich „Der Bhaijan“ nannte.

Er ist Muslim und wollte vor allem eins: islamisch saubere Unterhaltung anbieten, damit die muslimische Community nicht ihre letzten Gehirnzellen an die bereits immer verdorbeneren Netflix-Inhalten verliert oder muslimischen Streamern folgt, deren Inhalte doch nicht immer so islamisch korrekt waren. Und es war wirklich Zeit, dass saubere Unterhaltung dieser Art angeboten wird.

Seine Streams dauerten ca. 4 Stunden und wie andere Streamer auch, wollte er gern die Inhalte als Highlightvideos auf seinen YouTube-Kanal packen, damit von dort seine Follower auf Twitch wechseln. Aber das zeitintensive Schneiden von Videos war für ihn, der hauptberuflich und Vollzeit bei Halalcheck4u arbeitete, nicht machbar. Und so sagte er im November 2021: Ich brauche einen Cutter!

Hmm, dachte ich mir, Videos schneiden? Ob ich das kann? Ich meine, ich habe schon vorher ab und zu auf einer App kleinere Videos für meine SocialMedia Kanäle geschnitten – ich wusste zumindest schon mal, was ein Frame ist und dass man Tonspuren zu mehreren Bildern hinzufügen kann, damit ein Video dabei herauskommt.

Also fing ich an zu googeln und verbrachte die nächsten Tage damit, Videobearbeitungsprogramme und Tutorials auszuprobieren. Das Hauptproblem: ich hatte keinen leistungsstarken LapTop und dann auch noch Linux als Betriebssystem. Außerdem hatte ich nicht gerade viel Geld, um mir ein teures Programm zu kaufen und so beschränkte sich meine Suche nach einem geeigneten Videobearbeitungs-Tool auf OpenSource (also kostenlos) und ubuntubasierend mit wenig Speicherplatz. Die Wahl fiel auf OpenShot.

Das Programm ist jetzt nicht unbedingt mit reichlich Features bestückt, aber es erfüllte seinen Zweck. Während ich mir ein Tutorial nach dem anderen auf YouTube reinzog, schnitt ich parallel schon mal Videos und fragte den Bhaijan nach wenigen Wochen: „Hey, kann ich deinen Streaming-Content benutzen und so ein bissl üben“. Er sagte sofort ja und bot auch recht schnell an, Macht über seinen Highlight-Kanal auf YouTube zu übernehmen – als Bearbeiter. Ich schnitt also Highlightvideos und lud sie gleich auf seinen Kanal hoch. Thumbnails musste ich nun auch lernen zu erstellen. Dafür eignete ich mir Canva an.

Canva

Meine Fähigkeiten wuchsen von Tag zu Tag, ich eröffnete meinen eigenen YouTube-Kanal und schnitt Highlightvideos von anderen Streamern, um sie zu supporten und vor allem islamischen Content zu erstellen, der Zuschauer auf die richtigen Kanäle weiterleitet.

Ich wollte sozusagen eine Sammelstelle für muslimische Content-Creater werden und den muslimischen Geschwistern da draußen zeigen, was sie sich anschauen sollten und dass da noch mehr ist, als das, was ihnen sonst so vorgeschlagen wurde.

Mittlerweile konnte ich in sehr kurzer Zeit sehr viele Videos produzieren – doch hier muss ich gleich sagen: sehr wenig Schlaf und wenig Zeit für meine Familie. Das tat nicht gut und ich musste ganz schnell die Bremse drücken. Ich wollte sogar aufhören, löschte viele Videos auf meinen Kanal (weil ich mittlerweile auch meine Absicht hinterfragte) und bereitete mich darauf vor, wieder in meinen Alltag als Hausfrau und Mutter zu verschwinden. Was soll ich sagen: noch an diesem Tag kam eine Person auf mich zu. Diese brauchte jemanden, der Videos schneidet und hatte vom Bhaijan nur Positives von mir gehört.

Er war schon länger für mich ein Name. (Leider darf ich seinen Namen hier nicht nennen, so dass ich nicht weiter darauf eingehen kann). Dieser Bruder hatte jedenfalls mittlerweile auch seinen eigenen YouTube-Kanal und wollte dort nun Highlightvideos von seinen eigenen Live-Streams hochladen.

Ich sagte zu und schnitt eine Weile seine Videos, lud sie auf seinen Kanal hoch und freute mich, doch noch meine Leidenschaft des Videoschneidens ausleben zu dürfen. Diesmal aber teilte ich mir meine Zeit besser ein und fuhr langsamer. In dieser Zeit bekam ich auch den alten Mac von meinem Mann, wo ich das Videobearbeitungsprogramm Davinci Resolve herunterladen konnte.

Das war nun eine Steigerung, die mir dementsprechend auch eine Weiterentwicklung in meinen Fähigkeiten erlaubte. Auch hier schaute ich mir unzählige Tutorials auf YouTube an und integrierte jedes Mal das Neugelernte in Videos ein. Meine Videos wurden somit professioneller und sehr viel ansprechender.

Es sprach sich herum, dass ich Videos schneide und so kam es auch dazu, dass ich mal für Issam Bayan Videos schneiden durfte. Der hatte schon mehr Reichweite und es war spannend zu sehen, wie viele Menschen nun die Videos anschauten, an denen ich als Cutterin mitwirkte.

Als Bearbeiterin seines Kanals konnte ich im Hintergrund auch hier einfach die Videos hochladen, Thumbnails erstellen und ordentlich Haterkommentare filtern.

Doch Videos schneiden war mittlerweile nichts Neues mehr für mich und ich wollte noch mehr lernen, mehr ausprobieren. Immerhin stecken unter der Haube von Davinci Resolve noch einige krasse Features – Hollywoodfilme wurden mit diesem Programm produziert, also warum bleibe ich bei den Standard Möglichkeiten? Ich eignete mir recht schnell das Animieren durch Fusion an und konnte nun auch eigene Effekte erzeugen. Das machte unglaublich viel Spaß, aber ein Problem tat sich auf: nun kam auch der alte Mac an seine Grenzen, denn Animation benötigt stärkere Hardware.

Schnell kam der Wunsch: „Ich brauche einen besseren PC mit einer höheren CPU, einen größeren Arbeitsspeicher und einem schnelleren Prozessor“. Doch ich verdiente bis dahin noch kein Geld. Alle Videos die ich für andere schnitt, waren kostenlos und das war auch okay so. Immerhin war ich keine gelernte Fachkraft und hatte nicht die jahrelange Erfahrung. ABER mittlerweile – nach einem Jahr – war ich definitiv schon so weit, professionell zu arbeiten. Es dauerte noch ein paar Monate bis ich den Schritt wagte, mich selbstständig zu machen.

Man kannte mich auf YouTube und Instagram unter den Namen „querschnitt“ (ja, ja, man könnte es mit „Querschnittslähmung“ verwechseln, aber jeder der mich darauf hinweist bekommt von mir ein – da gibt es noch den mathematischen Begriff und bezogen auf das Videoschneiden… ach schau es dir einfach an, wenn du mehr darüber wissen willst) und so war der Name für meine „Firma“ schnell gefunden: @ited by querschnitt.

Gesprochen wird es „edited by querschnitt“ und das ist das, was unter jedem Video steht, welches ich für andere geschnitten hatte. Na? Hast du gerade gedacht: „Ach so, DAS soll es bedeuten?“ Nun, immer wenn du etwas von mir siehst und dich fragst, was um Himmels Willen ich damit bezwecken wollte – frag mich ruhig, hinter jeder Sache steckt eine begründete Geschichte.

Seit April 2023 bin ich also selbstständig und verdiene auch Geld mit Videobearbeitung. Das ermöglichte es mir vor Kurzem einen stärkeren PC zu kaufen, um noch effektiver arbeiten zu können. Ich bin Allah so dankbar.

Ein Prinzip bleibt aber dennoch bestehen: wenn jemand mit den Videos selbst Geld verdient, dann möchte ich für meine Arbeit bezahlt werden. Wenn jemand etwas für die Dawah macht und kein Geld damit verdient (also kein Business dahinter steckt), dann schneide ich – je nachdem, wie ich Zeit habe – weiterhin kostenlos. Denn mein Ziel ist es immer noch, zu supporten und mit meiner Arbeit der muslimischen Community zu dienen – für Allah und unserer wunderschönen Religion Islam.

Quelle: ICH

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